Geschichte

Zur Geschichte der Gruppendynamik & Systemtheorie

Wie die T-Gruppe zufällig entstand

Gut, man kann auch davon ausgehen, dass nichts Zufall ist. Auch nicht das, was sich in einem Seminar zur Forschung über die effektivsten Methoden zur Bekämpfung rassischer und religiöser Vorurteile im Sommer 1946 in New Britain in Connecticut/USA zutrug: Es gab Leiter und Forschungsbeobachter. An jedem Abend fand eine Sitzung statt, in der die Forschungsbeobachter ihre Beobachtungen an die Leiter weitergaben. Eines Abends fragten zuerst eine Teilnehmerin und dann noch weitere Teilnehmer an, ob sie bei den abendlichen Besprechungen dabei sein könnten. Sie wurden aufgenommen und aktiv in die Diskussion mit einbezogen. Dadurch entstanden erste Erfahrungen, wie sich die Rückmeldung von Beobachtungen und deren Diskussion auf das Verhalten der Beobachteten auswirkte. Die Geburtsstunden des gruppendynamischen Feedbacks – kann man heute sagen.

1946 hat es die Bezeichnung „T-Gruppe“ aber noch gar nicht gegeben. Erst im nächsten Sommer, also 1947 in Bethel, Maine, gab es unter vielen anderen Gruppen eine “Basic Skills Training Group”, in der dann schon geplanter Weise mit Beobachter-Rückmeldungen an die beobachteten Gruppenteilnehmer gearbeitet wurde. Nach diesem Sommerworkshop wurden die NTL (National Training Laboratories) gegründet. In ihren Sommerworkshops wurden bis 1955 eine Vielzahl von Methoden für Erwachsenenbildung und Arbeit mit Gruppen erprobt. Es gab unterschiedliche Experimente mit dem T-Gruppen-Design.

Erst 1955 begannen die NTL, “Industrie-Laboratorien” durchzuführen. Diese breiteten sich bis in die 1970er-Jahre rasant aus. Es wurde eine besondere soziale Bewegung, eine eigene Philosophie für eine besondere demokratische Gesellschaft. Es gab Helden wie Lewin; es gab Bethel, das Mekka der Bewegung; und überall Bekehrte. Die Umsetzungserfolge in der Wirtschaft waren aber schlecht! Auch die Versuche mit Family Labs (“Cousin Groups” nach unserer Terminologie) waren nicht erfolgreich. (Was nicht verwunderlich ist. Siehe oben.)

Die österreichischen Wurzeln der Gruppendynamik

Mit den österreichischen Wurzeln beschäftigen wir uns deswegen, weil die Rezeption der gruppendynamischen Laboratorien (und damit des T-Gruppen-Konzepts) in Österreich etliche Jahre früher als in Deutschland erfolgte und so auch die deutsche Gruppendynamik-Szene entscheidend beeinflusst hat.

Traugott Lindner war Anfang der 1950 beim ÖPZ – Österreichisches Produktivitäts-Zentrum in Linz/Oberösterreich angestellt und für Betriebsuntersuchungen und Managementtraining zuständig. 1953 kam im Rahmen des Marshallplans auch Gordon Lippitt vom NTL – National Training Laboratory in Washington nach Linz. Er erzählte von „Gruppendynamik“ und „T-Gruppen“. Lindner lud ihn zu einem Probeseminar mit zwölf Personen nach Linz ein. Im Februar 1954 veranstaltete Lindner das erste Gruppendynamik-Seminar in Europa mit T- Gruppen in Linz. Das amerikanische Trainerteam wurde von Leland Bradford geleitet. Er war leitender Direktor des NTL und hatte ja gemeinsam mit Kurt Lewin auch das oben beschriebene Seminar 1946 in New Britain durchgeführt. Im Sommer dieses Jahres fuhr Lindner mit dem legendären Wirtschaftsjournalisten Horst Knapp u.a. zu einer Studienreise und besuchte ein vom NTL in Bethel veranstaltetes Gruppendynamik-Seminar. (Dauer drei Wochen!)
Im Winter 1954 veranstaltete Lindner gemeinsam mit Knapp dann das erste Gruppendynamik-Seminar in Wien in den Rahmen der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft. Ab 1956 veranstaltete Lindner dann Drei-Tages-Seminare mit dem Titel „Führungsfragen in Industrie und Verwaltung“. Es gab keine T- Gruppen, aber es waren Seminare mit gruppendynamischen Übungen. (Gerhard Schwarz Interview mit Traugott Lindner, in Gerhard Schwarz ua (Hg), Gruppendynamik, WUV 1993).

1957 war Raoul Schindler Oberarzt (später Primarius) am Wiener psychiatrischen Krankenhaus Steinhof. Aus seiner therapeutischen Tätigkeit heraus entwickelte er das gruppendynamische Modell der Rangdynamik. Dieses ist eines der wenigen gruppendynamischen Modelle, welches auch auf und in Arbeitsteams, wie sie Gegenstand dieses Buches sind, anwendbar ist. Gemeinsam mit Psychiatern, Psychotherapeuten, Soziologen, Juristen und Psychologen gründete er 1959 den Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik – den ÖAGG. Seit den 1960ern veranstaltete der ÖAGG gruppendynamische Seminare. (Maria Majce-Egger 50 Jahre ÖAGG, in Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik Festschrift zum Jubiläum des ÖAGG 1959 – 2009, ÖAGG-Zeitschrift Feedback 2010).1970 wurde die Österreichische Gesellschaft für Gruppendynamik und Gruppenpädagogik – ÖGGG – gegründet. 1973 ging aus ihr die ÖGGO – Österreichische Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung hervor.

Zu den am Kongress betroffenen Gruppendynamikern:
1. Gerhard Schwarz: der ersten Schüler aber auch Kollege von Traugott Lindner, dem einen Gründer der Gruppendynamik in Österreich – aus der wirtschaftspolitischen/soziologischen Seite her.
2. Alfred Pritz: einer der Schüler von Raul Schindler – dem Gründer der Gruppendynamik aus psychotherapeutischer aber auch sozialer Sicht – aber auch dessen Nachfolger als Generalsekretär der des ÖAGG – Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik – und mit Schöpfer des Psychotherapiegesetzes.
3. Rudolf Wimmer, der zwar als einer der wichtigsten Köpfe der österreichischen Systemtheorie gilt, aber auch Gruppendynamiker in der ÖGGO war und ist.

Geschichte der Systemischen Beratung

Der systemische Ansatz in der Management- und Organisationslehre geht zurück auf :

* den Wiener Universitätsprofessor Ludwig von Bertalanffy und seine Allgemeine Systemtheorie (1949) sowie
* die Macy Conferences (1946-1953). Dort tagten unter dem Vorsitz von Warren McCulloch Wissenschafter unterschiedlichster Disziplinen. Ziel der Konferenzen war es, die Grundlagen für eine universale Wissenschaft der Funktionsweise des menschlichen Gehirns wie auch elektronischer Adapter, insbesondere Computer, zu schaffen.
* die Kybernetik (Begründer Norbert Wiener um 1945)

Wichtige Stationen in der Organisationsberatung:
1959: Management-Kybernetik nach Stafford Beer („Viable System“)
1969: Ed Schein “Prozessberatung”
1970: Heinz von Foerster „Kybernetik 2. Ordnung“
1973: „Autopoesis“ nach Humberto Maturana und Francesco Varela (Santiago Schule)
Seit Mitte der 1970er „Mailänder Schule“ der systemischen Familientherapie um Mara Selvini Palazzoli im engen Kontakt mit Paul Watzlawick (seinerseits Mitglied der Palo Alto-Gruppe begründet von Gregory Bateson).
1976: Ernst von Glasersfeld “Radikaler Konstruktivismus”
1980: Systemtheorie sozialer Systeme nach Niklas Luhmann
Seit den 1980ern etablierte sich die „Wiener Schule“ (Beratergruppe Neuwaldegg um Roswita Königswieser, osb mit Rudi Wimmer, CONECTA mit Alfred Janes) zur systemischen Organisationsberatung.
Zeitgleich systemische Therapie an der Uni Heidelberg mit Fritz Simon.
2006: Komplementärberatung nach Roswita Königswieser
2010: Der dritte Modus nach Rudi Wimmer
2012: Arbeitskreis Systemische Unternehmensberatung und Projektmanagement in der Wirtschaftskammer Wien.

Österreichische Wurzeln der systemischen Beratung

Ludwig von Bertalanffy, geb 1901 in Atzgersdorf, war von 1934 bis 1948 Professor an der Universität Wien. Er verfasste 1949 eine Allgemeine Systemtheorie, die versucht, auf der Grundlage des methodischen Holismus gemeinsame Gesetzmäßigkeiten in physikalischen, biologischen und sozialen Systemen zu finden und zu formalisieren. Prinzipien, die in einer Klasse von Systemen gefunden werden, sollen auch auf andere Systeme anwendbar sein. Diese Prinzipien sind zum Beispiel Komplexität, Gleichgewicht und Selbstorganisation. Heinz von Förster, geb. 1911 in Wien, studierte ab 1931 Physik an der Technischen Hochschule Wien, ging dann nach Deutschland, kehrte kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges  nach Österreich zurück, arbeitete in Wien für die Firma Schrack und nebenbei beim US-Radiosender Rot-Weiß-Rot, wo er später Leiter der Wissenschaftsredaktion wurde. Seine erste Monographie publizierte er 1948 unter dem Titel Das Gedächtnis und ging 1949 in die USA. Er gilt als Begründer der Kybernetik 2. Ordnung. Seit den 1970/1980ern etabliert sich die „Wiener Schule“ (1976 CONECTA mit Alfred Janes, 1980 Beratergruppe Neuwaldegg um Roswita Königswieser, 1988 osb mit Rudi Wimmer) der systemischen Organisationsberatung und wird Marktführer dafür im deutschen Sprachraum.  2006: Die Komplementärberatung nach Roswita Königswieser bezieht zusätzlich zur Prozessberatung (wieder) die Fachberatung mit ein. 2010: Die Organisationsberatung im Dritten Modus nach Rudi Wimmer erweitert die systemische Beratung auf die drei Modi Sach-, Zeit- und Sozialdimension. 2012: In der Fachgruppe UBIT Wien wird ein Arbeitskreis unter Führung von Roland Grün gegründet, der heute „Systemisches Arbeiten“ heißt.